Prof. Kleine-Gunk: Der renommierte Anti Aging Mediziner im Interview

Geschrieben von Dr. Jan Kunde Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 15 August 2017
Prof. Kleine Gunk - der bekannte Anti-Aging Arzt im Interview © Withania.de
Prof. Kleine Gunk - der bekannte Anti-Aging Arzt im Interview © Withania.de
Interview mit Prof. Dr. med. Kleine-Gunk
 

Prof. Dr. med. Kleine-Gunk ist zweifellos Deutschlands renommiertester Anti-Aging-Mediziner. Er ist bekannt aus dem Fernsehen, Autor zahlreicher Bücher und vor allem Präsident der größten europäischen Anti-Aging Vereinigung, der German Society of Anti Aging Medicine (GSAAM). Kürzlich veröffentlichte er das Buch „15 Jahre länger leben“, über das wir auf dem Anti-Aging Magazin bereits berichtet haben.

Anti-Aging-Magazin.De (AAM): Das Prinzip der Hormesis zieht sich als roter Faden durch Ihr neues Buch „15 Jahre länger leben“. Was genau ist Hormesis?

Prof Kleine GunkProf. Dr. Kleine-Gunk (Kleine-Gunk): Hormesis ist ein universelles Prinzip. Es beschreibt den Zusammenhang zwischen Schädigung und gesundheitlichem Nutzen. Viele Stoffe oder Maßnahmen haben eine schädigende Wirkung – in der richtigen Dosierung eingesetzt, kehrt sich dieser Effekt aber um und wir haben einen Nutzen. 

Ein gutes Beispiel sind sekundäre Pflanzenstoffe, die in Obst und Gemüse enthalten sind. Genau betrachtet, handelt es sich hierbei um giftige Stoffe, die oft in der Schale von Obst und Gemüse enthalten sind, damit diese vor Fraßfeinden geschützt sind. Bei dem Verzehr von Obst und Gemüse nehmen wir diese Giftstoffe auf – allerdings in so geringer Dosierung, dass sie für unseren Körper gerade einen Anreiz darstellen. Die Fähigkeit zur Entgiftung und zum Abfangen freier Radikale wird angeregt.

Das erklärt auch, warum die alleinige Einnahme von Vitaminen wenig nützt oder sogar ungünstig ist. Versorgen wir unseren Körper mit hochdosierten antioxidativen Vitaminen, die freie Radikale abfangen, nehmen wir ihm diese Tätigkeit sogar ab statt ihn zu trainieren. Deshalb ist es immer wichtig, Obst und Gemüse als Ganzes zu essen und nicht etwa isolierte Bestandteile.

AAM: Sekundäre Pflanzenstoffe sind ein gutes Stichwort, um auf die Sirtuine einzugehen. Sie haben ja kürzlich auch ein Buch zum SIRT Food heraus gebracht. Was genau müssen wir unter Sirtuinen und SIRT Food verstehen?

Kleine-Gunk: Sirtuine sind eine ganze Gruppe von Enzymen, die eine zentrale Rolle bei zahlreichen Kontroll- und Regulationsmechanismen spielen. Sie sind beteiligt an der Stimulation von Nervenzellen, der Prävention von Krebserkrankungen und nicht zuletzt beim Schutz der Telomere. Telomere sind die Endkappen unserer Erbsubstanz DNA, die einen entscheidenden Einfluss auf die Zellalterung haben. Und Sie werden es schon ahnen: auch hier spielt das Hormesis-Prinzip eine zentrale Rolle.

Sirtuin-Aktivatoren sind im Grunde leicht giftige Stoffe, die unsere Zellen stimulieren. Im Knoblauch sind zum Beispiel schwefelhaltige Substanzen enthalten – deshalb auch der Geruch -  die unseren Zellen ein klein wenig zusetzen. Sehr potent ist auch das Curcumin – der gelbe Farbstoff aus der Kurkuma-Wurzel, der für die gelbe Farbe im Curry sorgt. Sie alle sind kein Detox für die Zellen, sondern der reinste Stress.

AAM: Sie meinen Detox – also die gezielte Entgiftung – wäre eigentlich sogar eine Vergiftung?

Kleine-Gunk: Vor der Entgiftung steht zunächst die Vergiftung – natürlich in geringster Dosierung. Wie wir schon gesehen haben, wirken Obst und Gemüse erst einmal nicht entgiftend auf unseren Körper, sondern ganz im Gegenteil – durch ihre Inhaltsstoffe bewirken sie eine kleine Vergiftung. Diese führt dann aber dazu, dass die Zellen einen Entgiftungsprozess in Gang setzen. Wer einmal eine echte Detox-Kur in Indien mitgemacht hat (Panchakarma), der weiß, dass das kein Wellness-Programm ist. Es ist harte Arbeit zu entgiften!

AAM: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass auch das Fasten einen Stress auslöst, der dazu beiträgt, die Zellen jung zu halten.

Kleine-Gunk: Gezieltes Fasten verlangsamt die Zellalterung – das ist heute unumstritten. Denn auch mit dem Fasten setzen wir die Zellen einem Stressfaktor aus, der diese dann zu Höchstleistungen antreibt. Allerdings sprechen wir nicht vom mehrtägigen Fasten. Am effektivsten hat sich bislang das Intervall-Fasten oder Dinner-Cancelling erwiesen - also das gezielte Auslassen einzelner Mahlzeiten. Durch den Verzicht auf die Abendmahlzeit nehmen wir über einen Zeitraum von 15 bis 20 Stunden keine Nahrung auf, was dann ein Kurzzeitfasten ist. Andere propagieren das Auslassen des Frühstücks. Dies muss gar nicht jeden Tag sein – schon an zwei oder drei Tagen pro Woche angewandt, hat dies einen positiven Effekt auf die Alterung.

Eine Modulation des Hungers auf zellulärer Eben bewirkt übrigens das Metformin – ein Wirkstoff, der seit Jahrzehnten in der Therapie des Diabetes eingesetzt wird. Dieser Wirkstoff wird in der bislang ersten offiziellen Studie gegen das Altern getestet (Targeting Aging with Metformin, TAME). Dass die amerikanische Zulassungsbehörde (Food and Drug Administration, FDA) überhaupt einer Studie zum Thema Anti-Aging zugestimmt hat, ist eine kleine Sensation. Das Metformin scheint nicht nur den den Blutzucker zu senken - denn das machen andere Anti-Diabetika auch, haben aber keine Anti-Aging Wirkung – sondern ganz gezielt die Hungersignale zu modulieren. Offenbar wird dadurch der Prozess der Autophagie (Autophagozytose) angestoßen. Wie wichtig dieses unbekannte Thema ist, zeigt, dass einem japanischen Wissenschaftler 2016 sogar der Nobelpreis für seine Forschung auf dem Gebiet der Autophagie verliehen wurde. Kurz gesagt, können wir es als großen Hausputz auf zellulärer Ebene bezeichnen, bei dem sich die Zellen von Altlasten (Micro-Garbage) befreien. Ich bin gespannt auf den Ausgang der Studie. Möglicherweise haben wir dann den ersten echten Anti-Aging-Wirkstoff in der Hand.

AAM: Wir haben jetzt viel über die Ernährung gesprochen. Inwiefern lässt sich denn das Prinzip der Hormesis auf das Thema Sport und Bewegung übertragen?

Kleine-Gunk: Früher dachte man, dass die Muskeln beim Sport wachsen und ein Muskelkater das Anzeichen einer gefährlichen Übersäuerung des Muskels wäre. Heute wissen wir es besser: durch den Sport setzen wir gezielte Anreize durch Mikroverletzungen, die dann in der Zeit nach dem Sport zum Aufbau des Muskels führen. Die Muskeln wachsen also nicht beim Sport, sie wachsen in den Trainingspausen. Deshalb trainieren Kraftsportler auch nicht jeden Tag dieselbe Muskelgruppe, sondern gönnen den einzelnen Muskelpartien eine Pause.

AAM: Das hört sich so an, als wenn Krafttraining effektiver beim Anti-Aging hilft als Ausdauertraining?

Kleine-Gunk: Lange Zeit wurde allein auf das Ausdauertraining gesetzt, das ist heute anders. Denn wer mehr Muskeln hat, verbraucht auch im Ruhezustand mehr Energie und hat es leichter, sein Gewicht zu halten. Generell sollte man aber so abwechslungsreich wie möglich trainieren. Eine Mischung aus Ausdauer- und Krafttraining ist sicher besser als nur das eine oder nur das andere. Eine Mischung der Anreize führt auch hier ganz im Sinne der Hormesis zu einem Maximum an Wirkung. 

Ihren weiblichen Lesern möchte ich noch mit auf den Weg geben: keine Angst vorm Krafttraining! Wer nicht täglich Gewichte stemmt und dazu Anabolika einnimmt, wird sicher keine übertriebenen Muskelberge aufbauen, sondern sich und seinem Körper Gutes tun. 

AAM: Herr Professor Kleine-Gunk – das ist ein sehr schönes Schlusswort! Herzlichen Dank für das interessante Interview.

Das Interview führte Dr. Jan Kunde.

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Anti Aging und Well Aging sind genau meine Themen!

Ich gehöre genau zur Zielgruppe: ich bin über 40, habe wie die meisten Menschen in unserer Gesellschaft ein reichhaltiges Nahrungsangebot, oft wenig Bewegung und möchte dennoch gesund und fit alt werden. Die Quadratur des Kreises? Aus wissenschaftlicher und journalistischer Neugier probiere ich gern Dinge aus, z.B. eine Panchakarma Kur in Indien oder auch das Faszientraining. Lassen Sie uns gemeinsam den Weg für ein zufriedenes und aktives Alter(n) finden.

Ich bin oft entsetzt, mit welchen Heilversprechen fragwürdige Behandlungen, Diäten, Nahrungsergänzung oder Kosmetikprodukte angeboten werden. Als promovierter Biochemiker mit langer Erfahrung in der Gesundheitsbranche und Journalist möchte ich Ihnen wissenschaftlich fundierte und gründlich recherchierte Artikel rund um das Thema Anti Aging bieten.

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Herzliche Grüße,

Ihr Jan Kunde

Die Withania GmbH

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Dr. Jan Kunde